Spielerprofil
Adolf Blaha
Vereine & Saisonen
Zur Person
Der Adolf Blaha ist so eine Figur der österreichischen Fußballgeschichte, da weiß man im Grunde genommen alles und gleichzeitig überhaupt nichts. Also praktisch wie beim durchschnittlichen Familienvater nach drei Achteln Grünen Veltliner: Er war da, er hat irgendwas gemacht, und wenn man genauer nachfragt, sagt die Verwandtschaft: „Na ja, der Onkel Adolf eben.“
Von Adolf Blaha weiß man jedenfalls mit Sicherheit, dass er Torwart war. Das erkennt man schon daran, dass er später Schiedsrichter geworden ist. Denn ein Mensch, der sich freiwillig neunzig Minuten lang beschimpfen lässt und anschließend sagt: „Das möchte ich jetzt aus einer noch unbeliebteren Position heraus erleben“, muss entweder ein großer Idealist oder ein Österreicher sein. Wahrscheinlich beides.
Über sein Geburtsdatum weiß man nichts. Über seinen Geburtsort weiß man nichts. Über seine Familie weiß man nichts. Über seine Nationalmannschaftseinsätze weiß man nichts. Wenn man streng ist, weiß man nicht einmal mit letzter Sicherheit, ob er überhaupt gern Fußball gespielt hat. Aber dass er am 19. Dezember 1937 gestorben ist, das hat man sich gemerkt. Das ist überhaupt typisch für die Historiker. Über das Leben wird geschwiegen, aber beim Sterben herrscht plötzlich eine geradezu preußische Genauigkeit.
Überhaupt ist der Herr Blaha ein Opfer der historischen Überlieferung geworden. Sein Name taucht hier und da in alten Listen auf, und sofort glaubt man, der Mann müsse halb Wien abgegrast haben. Dabei hielt er dem Rudolfshügel eisern die Treue. Das war noch die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als manche Menschen tatsächlich jahrzehntelang derselben Sache anhingen – dem Verein, der Ehefrau oder zumindest dem selben Wirtshaus. Nur die Historiker geraten hundert Jahre später ins Schleudern und schicken den armen Blaha gleich zu Hakoah, Simmering, Rapid und Austria. Der Herr Blaha hätte wahrscheinlich entrüstet die Kappe zurechtgerückt und gesagt: „Meine Herren, ich steh' beim Rudolfshügel im Tor, ich kann mich ja nicht gleichzeitig auch noch zerteilen!“
Besonders berühmt wurde Adolf Blaha allerdings durch eine Eigenschaft, die sich kein moderner Spielerberater in eine Bewerbungsmappe schreiben würde.
Im Rückspiel der Relegation 1912/13 zwischen Rudolfshügel und Hertha verlor Rudolfshügel mit 1:3. Nicht nur ein bisschen. Nein, laut den damaligen Berichten verlor man auch deshalb, weil der Tormann Blaha einige ganz besonders unglückliche Einfälle hatte. Und weil die Sportjournalisten damals noch nicht von Medienberatern, Anwälten und Social-Media-Managern terrorisiert wurden, schrieben sie nicht etwa von „körperlicher Robustheit“ oder „athletischer Präsenz“. Nein. Sie schrieben einfach, der Herr Blaha habe einen gewissen Speckansatz.
Stellen Sie sich das heute vor!
„Großer Patzer von Blaha! Und außerdem schaut er ein bissl aus wie einer, der beim Heurigen die Käsekrainer nicht nur aus der Speisekarte kennt.“
Das war Journalismus mit Handschlagqualität.
Zu Saisonbeginn verlor Blaha seinen Stammplatz an Wisniewski Netschi. Was für ein Name! Allein gegen einen Mann namens Wisniewski Netschi kann man nicht beleidigt sein. Da klingt schon der Name wie ein russischer Roman, der von einem tschechischen Bierkutscher vertont wurde.
Aber Adolf Blaha war kein Mann, der lange Trübsal blies. Andere wären beleidigt gewesen. Andere hätten sich zurückgezogen. Der Blaha nicht.
Wenn man schon keine Bälle mehr hält, dann hält man eben das Geld zusammen.
Und so wurde er am Ende der Saison zum ersten Kassier von Rudolfshügel gewählt.
Das ist überhaupt die schönste Pointe der ganzen Geschichte. Vorne im Tor hat er manches nicht gehalten, aber in der Kassa – da vertraute man ihm.
Vielleicht saß er später bei den Sitzungen da und sagte:
„Meine Herren, die Hertha hat mir drei Tore eingeschenkt, aber von mir kriegt's keinen Heller!“
Und während heute jeder Ersatzspieler einen Instagram-Kanal, einen Podcast und einen eigenen Ernährungsberater besitzt, ist von Adolf Blaha nur ein paar vergilbte Zeilen geblieben. Ein paar Patzer. Ein leichter Speckansatz. Ein Kassieramt. Und ein Name.
Aber ganz ehrlich: Wenn man einmal nach hundert Jahren noch darüber spricht, dass einer ein bisserl rundlich war und trotzdem die Vereinskasse verwaltet hat, dann ist das vielleicht mehr Unsterblichkeit, als die meisten modernen Fußballstars jemals erreichen werden.
Und irgendwo, im großen Stadion über den Wolken, sitzt der Adolf Blaha wahrscheinlich noch immer. Mit einer Kappe auf dem Kopf, einem kleinen Bauchansatz und einem Kassabuch unterm Arm.
Und wenn ein Engel einen Ball fallen lässt, ruft er:
„Bua, des war nix! Aber schau wenigstens, dass die Abrechnung stimmt!“
Anekdoten & Zitate
Im Rückspiel der Relegation Rudolfshügel - Hertha (1:3) verlor Rudolfshügel etwas unglücklich, auch wegen bösen Patzern ihres Torwarts Adolf Blaha, dem im Spielbericht des Sportblattes ein leichter Speckansatz nachgesagt wurde. Am Ende der Saison wurde Adolf Blaha dann zum ersten Kassier des Vereins gewählt, nachdem er zu Saisonbeginn von Wisniewski Netschi als Stammtorhüter ersetzt worden war.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 150, 246, 309