Spielerprofil
Franz Weselik
Spitzname 'Blitz'
Vereine & Saisonen
Zur Person
Der Franz Weselik, den sie bei Rapid zuerst nur den „Blitz“ genannt haben, weil er so plötzlich auftaucht und den Ball ins Tor hineinstopft, als hätte er mit dem Herrgott persönlich einen Liefervertrag abgeschlossen, der Franz Weselik also, ist am 20. April 1903 in Wien zur Welt gekommen. Und damals hat noch keiner gewusst, dass aus dem Buben einmal ein Mittelstürmer wird, der mehr Tore schießt als manche Vereine in einem ganzen Jahrzehnt.
Begonnen hat er bei Blue Star Wien. Das war damals kein Name für ein Waschmittel, sondern ein Fußballverein. Dort hat er gelernt, dass man einen Ball nicht streicheln muss wie eine Hauskatze, sondern hineinwuchten. Und wie er 1923 zu Rapid gekommen ist, da haben die Herrschaften auf den Stehplätzen bald gesagt:
„Der Bua hat was. Entweder wird er ein großer Stürmer oder er verkauft später Staubsauger. Aber geschniegelt schaut er net aus.“
Und dann ist er eingeschlagen wie ein Blitz in eine Trafik.
Der junge Franz, den man bald „Blitz Weselik“ genannt hat, hat Hattricks geschossen, als wären sie Sonderangebote. Am 23. November 1924 gegen die Amateure hat er drei Tore gemacht, und die Rapidler haben geglaubt, jetzt kommt der Weltuntergang, so leicht ist das gegangen.
„Des is ka Mensch“, hat ein alter Herr auf der Pfarrwiese gesagt. „Des is a organisierter Notfall für jeden Verteidiger!“
Und ein paar Wochen später gegen den Wiener Sportclub? Wieder Tore. Wieder Jubel. Wieder sind die Zeitungen gekommen und haben geschrieben, dass da einer heranwächst, der vielleicht einmal ein ganz Großer wird.
Ja, vielleicht.
Vielleicht!
Als hätte der Herrgott selber gesagt:
„Schauen wir einmal.“
Und wie man weiß, hat der Herrgott beim Fußball selten Ahnung.
1927 hat der Franz den Pokal gewonnen. 1929 die Meisterschaft. 1930 wieder die Meisterschaft. Und nebenbei den Mitropacup. Damals war der Mitropacup etwas Großes. Heute würden irgendwelche Internetexperten erklären, dass die Gegner alle schlecht waren und überhaupt die xG-Werte nicht gestimmt haben. Aber damals hat man noch Tore gezählt und nicht Wahrscheinlichkeiten.
In 175 Meisterschaftsspielen hat der Weselik 160 Tore geschossen.
Hundertsechzig!
Das ist ein Verhältnis, da hätten manche Stürmer heute schon einen eigenen Duft, einen Podcast und eine Netflix-Serie mit acht Folgen.
Damals hat er einen Händedruck bekommen und vielleicht einen Gulaschsaft.
1930 war überhaupt sein Jahr.
Zwanzig Spiele.
Vierundzwanzig Tore.
Torschützenkönig.
Der dritte Rapidler überhaupt.
„Herr Weselik“, hat ein Reporter gefragt, „wie machen Sie das?“
„Na, ich schieß halt aufs Tor.“
So einfach war das damals.
Heute würde man ein Buch darüber schreiben.
Die mentale Reise des Balles – von der Vision zur Vollendung.
Auch im Nationalteam war er kein Kostveräumer. Elf Länderspiele. Dreizehn Tore. Sein Debüt in Budapest gegen Ungarn endete 5:5. Und der Franz hat gleich drei Tore gemacht.
Ein Ungar soll danach kopfschüttelnd gesagt haben:
„Wir haben geglaubt, die Österreicher schicken elf Spieler. Stattdessen schicken sie zehn Spieler und einen Weselik.“
Er hat gegen Nacional Montevideo gespielt. Gegen Arsenal London getroffen. Gegen Ajax Amsterdam beim berühmten 16:2 gleich vier Tore erzielt.
Sechzehn zu zwei!
Das Ergebnis klingt heute wie ein Druckfehler oder wie ein Eishockeyspiel mit schweren Alkoholproblemen.
Und gegen die Glasgow Rangers hat er auch getroffen.
Überhaupt hat der Franz überall getroffen. Man hätte ihn wahrscheinlich auf den Nordpol schicken können und nach fünf Minuten wäre dort ein Schneemann umgefallen und ein Schiedsrichter hätte auf den Mittelpunkt gezeigt.
Die Zeitgenossen beschrieben ihn als stark, kopfballgefährlich und mit ausgezeichnetem Stellungsspiel. Manche sagten allerdings auch, er wirke ein bissel unbeweglich.
Ja bitte.
Unbeweglich!
Der Mann hat 160 Tore geschossen, und irgendein Spezialist hat gesagt:
„Ja, aber elegant schaut er net aus.“
Das ist ungefähr so, als würde man dem Stephansdom vorwerfen, dass er ein bisserl hoch gebaut ist.
1934 ist der Franz nach Frankreich gegangen, zum FC Mulhouse. Spielertrainer. Dort hat er gleich wieder Tore geschossen und wurde drittbester Torschütze der Liga.
Die Franzosen haben wahrscheinlich geglaubt, sie hätten einen Fußballer verpflichtet.
Dabei haben sie einen Berufsabschluss im Toreschießen importiert.
Danach verschlug es ihn sogar nach Schweden. Von Wien nach Mulhouse und weiter nach Jönköping.
Ein Mann, der auf drei Sprachen wahrscheinlich denselben Satz gekannt hat:
„Wo ist das Tor?“
1938 kehrte er noch einmal nach Wien zurück.
Und dann kamen die düsteren Jahre.
Wie viele Menschen seiner Generation traf er Entscheidungen, die heute dokumentiert und kritisch betrachtet werden. Auch Franz Weselik beantragte 1940 die Aufnahme in die NSDAP und wurde 1941 Mitglied. Es gehört zu seiner Biographie dazu und verschwindet nicht dadurch, dass man es verschweigt.
Und so bleibt das Leben eben selten eine Operette.
Manchmal ist es mehr ein Qualtinger-Monolog.
1962 starb Franz Weselik mit nur 58 Jahren in Wien. Heute liegt er am Ottakringer Friedhof.
Und wenn man dort vorbeigeht, dann denkt man sich schon:
Da liegt einer, der 160 Tore für Rapid geschossen hat.
Einer, der Torschützenkönig war.
Einer, der im Nationalteam mehr Tore als Spiele hatte.
Einer, der Ajax mit vier Toren heimgeschickt hat.
Und trotzdem kennt ihn heute kaum einer.
Aber vielleicht ist das typisch Wien.
Wir vergessen unsere Helden schneller, als wir einen Schanigarten aufstellen.
Und irgendwo, ganz hinten auf einer himmlischen Pfarrwiese, steht wahrscheinlich ein alter Herr mit Hut, schaut dem Franz beim Spielen zu und murmelt:
„Na schau. Der Weselik wieder. Der schießt noch immer. Der wird net g'scheiter.“
Anekdoten & Zitate
Der junge Rapid-Stürmer Franz 'Blitz' Weselik avanciert in der Saison zum Senkrechtstarter: Mehrfach erzielt er Hattricks, unter anderem beim klaren Sieg gegen die Amateure am 23. November 1924, und wird vom Publikum als kommende große Hoffnung des Klubs gefeiert.
Quelle: Hakoah Wien: Der einzige Meistertitel - Fußball Tagebuch 1924/25 (Buch14.docx; Seitenzahlen im extrahierten Text nicht vorhanden)
Auch im Spiel gegen den Wiener Sportclub setzt Franz Weselik seine Torserie fort und bestätigt damit seinen Ruf als treffsicherer Jungstar von Rapid.
Quelle: Hakoah Wien: Der einzige Meistertitel - Fußball Tagebuch 1924/25 (Buch14.docx; Seitenzahlen im extrahierten Text nicht vorhanden)