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Aus der Buchreihe Austria Wien: Der erste violette Titel
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Spielerprofil

Heinrich Retschury

Vereine & Saisonen

Vienna
1911/12 1912/13 (Relegationsfinale) 1913/14 1913/14 (Relegation)

Zur Person

Die Vienna stieg vergleichsweise spät in die allererste österreichische Meisterschaft 1911/12 ein. Während bereits am 27. August 1911 die ersten Ligapartien angepfiffen worden waren, mussten sich die Döblinger noch gedulden. Erst am 17. September 1911 begann für sie das Abenteuer Meisterschaft. Der WAC wartete als erster Gegner, gespielt wurde auf dem WAC-Platz im Wiener Prater.

Neben dem Torjäger Johann Schwarz war der damals erst 24-jährige Heinrich Retschury die wohl prägendste Figur in der Startformation der Blau-Gelben. Der elegante Verteidiger war weit mehr als nur ein Abwehrspieler. Er war das Sicherheitsnetz der Vienna, jener Mann, dessen Anwesenheit Ruhe und Zuversicht ausstrahlte. Stand Retschury auf dem Platz, wirkte die Hintermannschaft beinahe uneinnehmbar und die Aussicht auf Punkte war groß. Fehlte er hingegen, konnte aus einer hoffnungsvollen Partie rasch ein bitterer Nachmittag werden.

Dabei schien ihm schon in jungen Jahren eine zweite Leidenschaft immer wichtiger zu werden. Retschury wollte nicht nur Spieler sein. Immer häufiger zog es ihn zur Pfeife des Schiedsrichters. Während andere für ihren Verein kämpften, entschied er lieber als Unparteiischer über das Schicksal anderer Mannschaften. Selbst als die Vienna in der Saison 1913/14 verzweifelt gegen den Abstieg ankämpfte, ließ ihn das bemerkenswert ungerührt. Wenn er sich bereits verpflichtet hatte, anderswo eine Meisterschaftspartie zu leiten, dann mussten seine Kameraden ohne ihn auskommen – ungeachtet der Bedeutung des Spiels.

Doch gerade diese ungewöhnliche Persönlichkeit machte Heinrich Retschury zu einer der bemerkenswertesten Gestalten des frühen österreichischen Fußballs. Er sah das Spiel aus verschiedenen Blickwinkeln: als Verteidiger, als Schiedsrichter und später auch als verantwortlicher Teamchef der Nationalmannschaft. In dieser Funktion entschied er darüber, welche Spieler die Ehre erhalten sollten, Österreich zu vertreten.

So begleitete Heinrich Retschury den österreichischen Fußball über Jahrzehnte hinweg und hinterließ seine Spuren auf ganz unterschiedliche Weise. Sein Lebensweg endete jedoch auf tragische und bis heute rätselhafte Weise. Am 11. Juni 1944 starb er in Wien unter ungeklärten Umständen.

Von den jubelnden Nachmittagen auf den Fußballplätzen der Monarchie bis zu den düsteren Tagen des Krieges spannte sich das Leben eines Mannes, der die Anfänge des österreichischen Fußballs entscheidend mitgeprägt hatte. Die Zuschauer von damals mögen längst verstummt sein, die Holztribünen verschwunden und die Helden von einst vergessen worden sein – doch der Name Heinrich Retschury bleibt mit jener Pionierzeit verbunden, als Fußball in Wien noch Abenteuer, Leidenschaft und ein Stück gelebte Geschichte war.

Anekdoten & Zitate

Heinrich Retschury, ehemaliger Vienna- und Nationalspieler auf der Position Verteidiger, beendete seine Karriere mit erst 25 Jahren im Frühjahr 1912 und war als Schiedsrichter bei der Eröffnung des Rapid-Platzes (Rapid - WAC 2:1) im Einsatz. Er wurde später einer der bekanntesten Referees des Landes, pfiff auch bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris, und führte als Teamcoach mit einem 2:1-Sieg über Lettland zur erfolgreichen Qualifikation für die WM 1938, die nach der Annexion Österreichs hinfällig wurde. Er starb am 11. Juni 1944 in Wien; die Presse berichtete erst am 19. Dezember 1944 davon, ohne Todesursache.

Vienna · Saison 1911/12 ·skurril

Quelle: Als Rapid zum ersten Mal Meister wurde (Chronologie der ersten österreichischen Fußballmeisterschaft 1911/12), Abs. 1174

Wacker-Verteidiger Stutzerl war der brutalste Spieler im Relegationsfinale Rudolfshügel - Wacker (6:0), trat auf alles ein was sich bewegte, ohne ausgeschlossen zu werden - Schiedsrichter Heinrich Retschury dürfte einen gnädigen Tag gehabt haben.

Saison 1912/13 (Relegationsfinale) ·lustig

Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 212

Im Spiel WAF - WAC (2:0) leitete Heinrich Retschury die Partie erstklassig und erstickte alle Aggressionen im Keim - obwohl seine im Abstiegskampf befindliche Vienna nur eine Straße weiter gegen Rapid spielte. Es wird wohl ein ewiges Mysterium bleiben, warum er in so einer kritischen Phase lieber den Schiedsrichter gemacht hat, statt seiner Mannschaft im Abstiegskampf zu helfen. Retschury war damals nicht nur einer der besten Schiedsrichter, sondern auch immer noch ein erstklassiger Innenverteidiger.

Vienna · Saison 1913/14 ·skurril

Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 1522

Im zweiten Relegationsspiel Wacker - Hertha (2:2) schien selbst der sonst so souveräne Schiedsrichter Retschury sich gegen Meidling verschworen zu haben: er übersah in der ersten Halbzeit ein klares Elferfoul, sprach der Hertha später einen Elfmeter zu, der eigentlich keiner war, und schloss in der entscheidenden Phase, als Wacker auf das 3:1 drängte, einen Wacker-Spieler aus - und entschied damit die Relegation zugunsten der Hertha.

Saison 1913/14 (Relegation) ·skurril

Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 44