Spielerprofil
Johann Andres
Vereine & Saisonen
Zur Person
Johann Andres, in ganz Wien besser bekannt als der „Cricketer Hansl“, war so etwas wie der erste Publikumsliebling des österreichischen Meisterschaftsfußballs – zu einer Zeit, als die Leute noch mit Hut, Schnurrbart und einer gewissen Ernsthaftigkeit auf den Fußballplatz pilgerten und trotzdem wegen eines Mannes lachten, der mit dem Ball Dinge anstellte, die nach damaligen Maßstäben vermutlich als Hexerei durchgingen.
Seinen Spitznamen verdankte er einer höchst ehrenwerten Jugendkarriere als Ballschani bei den Cricketern. Während andere Buben davon träumten, Lokomotivführer oder Kaiser zu werden, lief der junge Hansl den Bällen hinterher und entwickelte dabei offenbar eine innige Beziehung zum runden Leder. Irgendwann beschloss er, nicht mehr nur die Bälle zu holen, sondern mit ihnen die Zuschauer zu verblüffen.
Als 1911 die erste österreichische Meisterschaft begann, war der „Cricketer Hansl“ gerade einmal 24 Jahre alt. Eigentlich das Alter, in dem Fußballer heute gerade einmal anfangen, über den richtigen Proteinshake nachzudenken. Doch Andres hatte bereits ein Knie, das sich offenbar deutlich älter fühlte und ihm immer wieder mitteilte, dass es lieber Schachspieler geworden wäre. So musste er seine Laufbahn schon früh abbrechen. Fast hätte er in der Saison 1911/12 mit dem WAF sogar den Meistertitel geholt. Fast – dieses kleine Wort, das im Fußball schon ganze Generationen von Anhängern in tiefe philosophische Krisen gestürzt hat.
Berühmt war Andres aber vor allem als der erste Fußballclown Wiens. Und das war keineswegs beleidigend gemeint. Der Mann war ein Entertainer. Wenn andere Spieler einfach nur passten, jonglierte der Hansl, zauberte Tricks aus dem Ärmel und brachte die Zuschauer zum Staunen. Wahrscheinlich wären manche Schiedsrichter froh gewesen, wenn sie gewusst hätten, ob sie gerade ein Fußballspiel oder eine Varietévorstellung leiteten.
Seinen Höhepunkt erreichte er in den Jahren 1909 und 1910. Gemeinsam mit den Fußballkünstlern Fischera und Studnicka bildete er den vielleicht elegantesten Angriff, den der WAC damals aufzubieten hatte. Die drei wirkten zeitweise weniger wie Stürmer und mehr wie reisende Zirkusartisten mit Ball. In diese Glanzzeit fiel auch einer der größten Triumphe des österreichischen Fußballs: Am 20. Mai 1909 wurde die englische Profimannschaft Sunderland auf dem WAC-Platz mit 2:1 besiegt. Für die Wiener war das ungefähr so, als hätte man damals den Mond erobert, nur ohne Rakete und mit deutlich mehr Schnurrbärten.
Als es später zum berühmten Massenaustritt aus dem WAC kam, marschierte Andres selbstverständlich mit. Schließlich gehörte ein echter Fußballkünstler dorthin, wo die Musik spielte. So fand man ihn beim Start der ersten österreichischen Meisterschaft im roten Trikot des WAF wieder. Dort blieb er dem Verein treu, auch als seine Knie langsam beschlossen hatten, sich aus dem aktiven Dienst zurückzuziehen. In der Reservemannschaft hielt er sich fit, vermutlich auch deshalb, damit ihm zu Hause nicht langweilig wurde.
Und weil Johann Andres anscheinend der Meinung war, dass ein Fußballleben allein nicht ausreicht, versuchte er sich auch noch als Schiedsrichter. Eine mutige Entscheidung, denn wer jahrelang selbst die Leute mit Tricks unterhalten hatte, musste nun plötzlich ernst bleiben und anderen erklären, warum ihr Abseitstor leider doch keines war. Später verschlug es ihn auf die Trainerbank der Amateure, wo er ebenfalls beachtliche Erfolge feiern konnte. Offenbar war sein Fußballhirn ebenso beweglich wie einst seine Beine.
Johann „Cricketer Hansl“ Andres erlebte mehrere Generationen des österreichischen Fußballs, sah Kaiser und Republik, Amateurfußball und Profibetrieb, und vermutlich auch unzählige Diskussionen darüber, ob der Schiedsrichter „blind“ gewesen sei. Am 25. Juli 1970 starb einer der letzten großen Helden aus der Pionierzeit des Wiener Fußballs.
Und wenn irgendwo im Fußballhimmel ein paar alte Herren mit Schnurrbärten und Knickerbockern dem Ball nachjagen, dann steht der „Cricketer Hansl“ wahrscheinlich noch immer grinsend daneben, macht einen unnötigen Haken, lässt zwei Wolken aussteigen und bringt selbst die Engel auf der Tribüne zum Lachen.
Anekdoten & Zitate
Johann Andres vom WAF wurde in der Anfangszeit des Wiener Fußballs 'Cricketer Hansl' genannt.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 135
Der 24-jährige WAF-Stürmer Johann Andres wurde in der 80. Minute des Spiels Wiener Sportclub - WAF (2:1) des Feldes verwiesen. Andres galt vor dem 1. Weltkrieg als bester linker Flügelstürmer Österreich-Ungarns, war flink und leichtgewichtig und harmonierte trotz fehlender Schusskraft hervorragend mit Fischera und Studnicka. Er galt als perfekter 'Fußball-Clown', dessen gefinkelte Spielweise das Publikum köstlich amüsierte, die Gegner aber zur Weißglut brachte. Eine Meniskusverletzung im rechten Knie, die er sich gegen die Vienna zuzog, beendete Ende 1912 seine Karriere viel zu früh.
Quelle: Als Rapid zum ersten Mal Meister wurde (Chronologie der ersten österreichischen Fußballmeisterschaft 1911/12), Abs. 360-362
Der einst so hochgelobte Johann Andres spielte im Spiel WAF - WAC (2:3) viel zu eigensinnig und vertändelte auf der linken Seite oft seine Bälle. Sein Elfmetertreffer in Minute 80 resultierte aus einem Geschenk des Schiedsrichters Max Reichsfels, der schon Mitleid mit dem WAF gehabt haben dürfte.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 315, 319
Im Spiel FAC - Sportclub (1:3) wurde Schiedsrichter Karl Schediwy vom Sportblatt scharf kritisiert: 'Er ist ein ehemaliger Spieler, kennt demnach sicher die meisten unfairen Tricks; es fehlt ihm aber an der nötigen Entschlossenheit, um den ersten Fehler zu ahnden. Dadurch werden die Spieler angeregt, selbst ihr vermeintlich Recht zu suchen und die Folge sind Tretereien und Rohheiten aller Art. Das Spiel, wenn man das unritterliche Turnier noch so nennen kann, war aber gründlich verdorben.'
Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 629
Der ehemalige WAC- und WAF-Star Johann Andres, der zuletzt als Schiedsrichter fungierte und für seinen großen Unterhaltungswert sowie seine Clownerien bekannt war, wurde schon in den ersten Kriegstagen eingezogen und sofort an die Front geschickt. Dort erkrankte er rasch und kehrte nach Wien zurück. Sein Leiden, eine Luxation des Kniegelenks, ließ einen Rückfall befürchten, weshalb er nicht mehr an die Front zurückkehrte. Nach dem Krieg wurde Andres Trainer der späteren Wiener Austria und überlebte auch den Zweiten Weltkrieg - er verstarb als 83-jähriger am 25. Juli 1970.
Quelle: Fussball im Ersten Weltkrieg: Österreichs erste Meisterschaft im Krieg 1914/15, Abs. 39, 518
Beim 9:0-Sieg des WAF gegen Simmering stand mit Johann 'Hansl' Andres ein Überraschungsgast im Tor - der ehemalige Flügelangreifer, der zwischenzeitlich als Schiedsrichter tätig war, kehrte überraschend als Torhüter zurück. Der damals 28-jährige galt als sehr beliebt und humorvoll und liebte es in seiner besten Zeit, während des Spiels mit Gegenspielern und Zuschauern zu scherzen - einer der ersten Fußballclowns des österreichischen Fußballs. In diesem Spiel bekam er in 90 Minuten nur einen einzigen Ball zu halten und hatte daher genügend Zeit, seine Späße mit dem Publikum zu treiben.
Quelle: Rapid Wien oder FAC: Der spannende Krimi um den Meistertitel 1915/16, Abs. 1608