Spielerprofil
Josef Kaltenbrunner
Vereine & Saisonen
Zur Person
Josef Kaltenbrunner stand am 8. September 1911 beim allerersten Meisterschaftsspiel Rapids im Tor, als die Hütteldorfer am WAC-Platz im Prater die Amateure mit 4:1 auswärts abfertigten. Der damals 23-jährige Schlussmann gehörte schon zu den erfahrenen Herren im Ensemble – was bei einer Mannschaft, deren Spieler teilweise noch aussahen, als müssten sie nach dem Match heimlich die Schulaufgaben erledigen, durchaus etwas bedeutete.
Bereits 1907 war der damals 19-jährige Kaltenbrunner zu Rapid gekommen, als die Heimstätte der Grünen noch in Rudolfsheim lag und der Verein finanziell ungefähr so stabil dastand wie ein Heurigentisch mit einem fehlenden Bein. Nach der großen Rapid-Krise von 1910, als der spätere Rekordmeister zeitweise näher am Konkurs als an einem Meistertitel war, packte den Seppl allerdings die Wanderlust. Er wechselte zur Vienna und ließ die Grün-Weißen sitzen. Offenbar stellte er aber bald fest, dass das Gras auf der anderen Seite des Gürtels auch nicht grüner war, und kehrte pünktlich zum Start der ersten österreichischen Meisterschaft 1911/12 wieder zurück. Sein Fixleiberl im Tor war ihm sofort sicher.
Und dort machte er seine Sache ausgezeichnet. In den Spielzeiten 1911/12 und 1912/13 gehörte der Mann mit dem Spitznamen „eiserner Seppl“ zu den besten Torhütern Österreichs. Der Beiname kam nicht von ungefähr, denn Kaltenbrunner war kein Freund überflüssiger Artistik. Während andere Torhüter sich wie Operettenhelden in den Strafraum warfen, erledigte der eiserne Seppl seine Arbeit mit der Nüchternheit eines Finanzbeamten und der Robustheit eines Kohlenhändlers.
Dann kam der Sommer 1914, und mit ihm leider nicht die Vorbereitung auf die neue Saison, sondern der Erste Weltkrieg. Kaltenbrunner wurde sofort eingezogen und verwundet. Nach langer Genesung hätte man meinen können, der Staat würde dem Mann nun eine Pause gönnen. Aber das Kaiserreich war damals nicht gerade für seine Work-Life-Balance bekannt und schickte ihn kurzerhand wieder an die Front. Für Fußball blieb da weder Zeit noch Kraft, und vermutlich war ihm nach all dem auch herzlich egal, ob der WAC nun drei oder vier Stürmer aufstellte.
Rapid bekam die Folgen seines Ausfalls unmittelbar zu spüren. In der Saison 1914/15 herrschte auf der Torhüterposition ungefähr so viel Sicherheit wie bei einem Regenschirm aus Zeitungspapier. Erst die Verpflichtung von Theodor Mantler im Sommer 1915 brachte wieder Ordnung ins grün-weiße Chaos.
So blieb Josef Kaltenbrunner, der „eiserne Seppl“, als einer jener Männer in Erinnerung, die schon beim ersten Kapitel der österreichischen Meisterschaftsgeschichte dabei waren. Ein Torhüter von großer Klasse, der zwischenzeitlich einmal zur Konkurrenz ausbüxte, rechtzeitig zurückkam und in seinen besten Jahren zu Österreichs Allerbesten gehörte – ehe ihm die Weltgeschichte auf brutale Weise den Schlusspfiff verpasste.
Anekdoten & Zitate
Rapid-Torhüter Josef Kaltenbrunner hatte immer einen kleinen Glücksbringer in Form eines Rauchfangkehrers im Tor stehen.
Quelle: Als Rapid zum ersten Mal Meister wurde (Chronologie der ersten österreichischen Fußballmeisterschaft 1911/12), Abs. 1293
Das Spiel Rapid - Simmering (3:4, WAC Platz vor 10.000 Zuschauern) war das letzte Spiel von Rapid-Torhüter Josef Kaltenbrunner in dieser Saison. Danach ging es mit dem Olympiateam nach Stockholm. Der damals 24-jährige Stammtorhüter überreichte bei der Meisterfeier seinem Trainer Dionys Schönecker ein Tableau mit den Bildern aller Spieler.
Quelle: Als Rapid zum ersten Mal Meister wurde (Chronologie der ersten österreichischen Fußballmeisterschaft 1911/12), Abs. 1606, 1800
Nach dem klaren 4:0-Auftaktsieg gegen die Amateure widmete das Sportblatt der Rapid-Mannschaft eine genauere Analyse und bezeichnete Josef Kaltenbrunner im Tor Rapids als den besten Torhüter den Wien gegenwärtig besitze - damit sei dieser tüchtige Goalkeeper genügend charakterisiert. Kaltenbrunner war im Sommer 1913 am Höhepunkt seiner Karriere und unbestritten die absolute Nummer 1 in Österreich.
Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 186, 191