Spielerprofil
Karel Kozeluh
redegewandter Stürmer
Vereine & Saisonen
Zur Person
Vor Karel Koželuh muss sich die Sportgeschichte eigentlich bis heute entschuldigen. Nicht etwa, weil sie ihn vergessen hätte. Sondern weil sie nie wusste, in welche Schublade sie ihn stecken sollte. Fußballer? Eishockeyspieler? Tenniskönig? Trainer? Oder doch eher Feldmarschall mit Ball?
Geboren wurde Karel Koželuh am 7. März 1895 in Prag. Schon früh zeigte sich, dass der junge Mann einen verhängnisvollen Mangel besaß: Er konnte sich einfach nicht für eine Sportart entscheiden. Andere Menschen führten ein normales Leben, Karel hingegen sammelte Disziplinen wie andere Briefmarken.
Zunächst verschlug es ihn auf die Fußballplätze. Beim DFC Prag, bei Sparta Prag und später beim Teplitzer FK jagte er dem Ball nach. Schließlich führte ihn sein Weg nach Wien, wo er beim Wiener AC landete und rasch zum Mittelpunkt des Geschehens wurde. Als Mittelstürmer schoss er Tore, für Österreich absolvierte er vier Länderspiele und erzielte sogar einen Treffer. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie spielte er auch noch für die Tschechoslowakei. Es war, als hätte sich Karel gedacht: Wenn schon Grenzen verschwinden, kann man ja gleich zwei Nationalmannschaften mitnehmen.
Doch seine eigentliche Berühmtheit im WAC beruhte nicht nur auf seinen Füßen, sondern vor allem auf seinem Mundwerk.
Während andere Spieler keuchend hinter dem Ball herliefen, führte Karel Koželuh auf dem Rasen eine Art militärische Kommandozentrale. Ununterbrochen kommentierte er das Spielgeschehen.
„Links! Nein, nicht links! Der andere links!“
„Hans, wo läufst du hin? Dort ist ja gar niemand!“
„Zurück! Noch weiter zurück! Nicht du, der andere!“
„Schiedsrichter, das war doch ein Einwurf!“
Selbst seine Mitspieler wussten oft nicht mehr, ob sie Fußball spielten oder an einer Generalstabsübung teilnahmen. Schiedsrichter Fritz Neubauer, ein Mann von bemerkenswerter Geduld, soll zeitweise den Eindruck erweckt haben, lieber ein Rudel hungriger Wölfe als Karel Koželuh beaufsichtigen zu wollen. Denn Karel kommentierte wirklich alles. Gegenspieler, Mitspieler, Zuschauer, Linienrichter, Windrichtung, Platzbeschaffenheit und vermutlich auch die Flugbahn vorbeiziehender Tauben.
Wer im WAC spielte, erhielt nebenbei kostenlos eine Ausbildung in Taktik, Rhetorik und Nervenstärke.
Aber das Fußballspielen allein genügte Karel natürlich nicht.
Nebenbei gewann er mit der Tschechoslowakei 1925 die Eishockey-Europameisterschaft und erzielte im entscheidenden Spiel sogar das Siegtor. Vermutlich gab er auch dort seinen Mannschaftskameraden ohne Unterlass Anweisungen, wobei seine Worte zwischen den Zähnen und den schmalen Lippen nur noch als geheimnisvolles Knurren wahrgenommen wurden.
Und weil ihm selbst das zu langweilig erschien, wurde er außerdem einer der größten Tennisspieler seiner Zeit.
Er gewann die US-Pro-Meisterschaften, triumphierte bei den French Pro Championships und galt zeitweise als bester Profispieler der Welt. Die Zuschauer bewunderten seine elegante Spielweise und nannten ihn den „Fred Astaire des Tennis“. Man hätte ihn auch „den Mann, der sogar beim Aufschlag noch Anweisungen erteilte“ nennen können.
Sein Bruder Jan Koželuh gehörte ebenfalls zur Weltklasse, was zur Folge hatte, dass in der Familie Koželuh vermutlich selbst beim Abendessen über Vorhände, Flankenwechsel und Abseitsfallen diskutiert wurde.
1919 trainierte Karel sogar den kroatischen Spitzenverein HAŠK Zagreb. Womöglich war dies die einzige Mannschaft Europas, deren Spieler nach jeder Besprechung erschöpfter waren als nach dem Training.
So wurde Karel Koželuh zu einem der erstaunlichsten Sportler des 20. Jahrhunderts. Ein Mann, der für zwei Nationalmannschaften spielte, Eishockey-Europameister wurde, Tennis-Weltmeister war und auf dem Fußballplatz mehr Worte verlor als mancher Radiosprecher während einer gesamten Saison.
Am 27. April 1950 endete sein Leben bei einem Verkehrsunfall in Prag. Man darf annehmen, dass selbst der Himmel nach seiner Ankunft zunächst einige Schwierigkeiten hatte, Ordnung in den Spielbetrieb zu bringen.
Denn wenn irgendwo zwischen den Wolken plötzlich eine Stimme ertönt:
„Engel Nummer sieben, etwas weiter nach links! Petrus, das war doch eindeutig Abseits!“
dann weiß man, dass Karel Koželuh noch immer Dienst hat.
Anekdoten & Zitate
Der redegewandte WAC-Stürmer Karel Kozeluh führt während eines Spiels eine wahre Kommandozentrale auf dem Platz, kommentiert und dirigiert seine Mitspieler ununterbrochen und bringt damit sogar Schiedsrichter Fritz Neubauer an seine Geduldsgrenze – ein Spektakel aus sportlicher und verbaler Performance gleichermaßen.
Quelle: Hakoah Wien: Der einzige Meistertitel - Fußball Tagebuch 1924/25 (Buch14.docx; Seitenzahlen im extrahierten Text nicht vorhanden)