Spielerprofil
Karl Braunsteiner
Vereine & Saisonen
Zur Person
Der Beamte Karl Braunsteiner begann seine Laufbahn bei den unterklassigen Wiener Bewegungsspielern. Lange widerstand er den Avancen mehrerer Erstligavereine, ehe er sich nach einigem Zögern doch für den Wiener Sportclub entschied. Die Dornbacher hatten damit einen Spieler gewonnen, der schon bald zu den größten Attraktionen des österreichischen Fußballs zählen sollte.
Seinen ersten Meisterschaftseinsatz absolvierte der damals 20-Jährige am 17. September 1911 bei der 1:3-Heimniederlage gegen Rapid. Gemeinsam mit Gustav Krojer bildete er die rechte Abwehrseite. Obwohl das Ergebnis enttäuschte, war Braunsteiners Debüt bemerkenswert. Der junge Verteidiger galt als einer der elegantesten Balltechniker seiner Zeit und beeindruckte durch sein außergewöhnliches Spielverständnis.
Beim 2:1-Erfolg vor 3.000 Zuschauern gegen die Startruppe des WAF am 22. Oktober 1911 gehörte Braunsteiner bereits zu den herausragenden Akteuren. Die Presse schwärmte von der glänzenden Vorstellung des jungen Mittelfeldspielers, während neben ihm lediglich der erfahrene Arthur Wackenreuther ähnliche Anerkennung erhielt.
Am 24. März 1912 traf Braunsteiner beim 2:2 gegen die Amateure erstmals in der Meisterschaft. Am Ende der Saison 1911/12 musste sich der Sportclub nur um einen einzigen Punkt Rapid geschlagen geben und wurde Vizemeister. Die Dornbacher besaßen damals den Ruf, vielleicht die begabteste Mannschaft des Landes zu stellen – allerdings auch eine, deren Verhältnis zum Training bisweilen eher locker ausfiel.
Im Sommer 1912 gehörte Karl Braunsteiner zum österreichischen Aufgebot bei den Olympischen Spielen in Stockholm. Das olympische Fußballturnier besaß damals nahezu den Rang einer Weltmeisterschaft. Braunsteiner stand in sämtlichen fünf Begegnungen auf dem Feld. Österreich scheiterte zwar im Viertelfinale an den Niederlanden, kämpfte sich aber im Trostturnier bis ins Finale vor, wo Ungarn mit 3:0 die Oberhand behielt.
Seine elegante Spielweise faszinierte die Zuschauer. Nach der 0:1-Heimniederlage gegen den WAC am 22. September 1912 beschrieb ihn die Presse beinahe poetisch. Die mühelosen Bewegungen seines schlanken Körpers und seine beinahe verächtlich wirkende Ruhe hätten, so schrieb man, jeden Ästheten entzücken können. Allerdings wurde auch angemerkt, dass selbst ein Künstler wie Braunsteiner gegen die stürmischen Angriffe eines Studnicka oder Neumann nicht immer bestehen konnte.
Doch wo Genie auftritt, sind Kritik und Widersprüche selten weit entfernt. Nach der 0:1-Niederlage beim WAF am 30. März 1913 wurde Braunsteiner vorgeworfen, sich in überflüssigen Dribblings zu verlieren und durch seine Nachlässigkeit das eigene Tor zu gefährden.
Dennoch blieb er einer der großen Stars des Sportclubs. Am 8. Juni 1913 lieferte er gegen den FAC eine denkwürdige Vorstellung ab. Gleich nach dem Anpfiff marschierte er allein auf das Tor zu und erzielte die Führung. Später stellte er erneut auf 2:1. In der zweiten Hälfte erhöhte zunächst Karl Braunsteiner auf 3:1 und wenig später sorgte ein weiterer Braunsteiner-Treffer für das 4:1 – allerdings stammte dieser von seinem Bruder August. Die Familie Braunsteiner hatte an diesem Nachmittag beinahe im Alleingang den FAC zur Verzweiflung gebracht.
Die Saison 1912/13 endete für den Sportclub nur auf Rang drei. In Dornbach herrschte schlechte Stimmung. Zum zweiten Mal hintereinander waren die hochgesteckten Titelträume an Rapid gescheitert. Spieler verließen den Verein, Gerüchte über weitere Abgänge machten die Runde, und zeitweise wurde sogar über eine Fusion mit der Vienna oder gar eine Auflösung des Vereins nachgedacht. Selbst um Superstar Karl Braunsteiner rankten sich Wechselgerüchte. Offiziell bekannte er sich zum Sportclub, doch die Unruhe war allgegenwärtig.
Als Braunsteiner im Herbst 1913 wegen einer schweren Verletzung mehrere Wochen ausfiel, wurde sein Wert für die Mannschaft besonders deutlich. Sein Fehlen war unübersehbar. Als er am 30. November 1913 gegen Rudolfshügel zurückkehrte, schrieb eine Sportzeitung, der Sportclub habe seinen Mittelfeldstar „wie einen Bissen Brot“ gebraucht. Obwohl er noch nicht völlig fit war, verlieh seine bloße Anwesenheit den Mitspielern neues Selbstvertrauen.
Immer wieder glänzte Braunsteiner mit spektakulären Treffern. Gegen den WAF erzielte er im Dezember 1913 vor 4.000 Zuschauern das 2:0 mit einem Prachtschuss. Im März 1914 ließ er Nationaltorhüter Heinrich Plhak nach einem Eckball mit einem Schuss „wie ein Strich“ ins Netz vollkommen regungslos zurück.
Doch die Saison 1913/14 zeigte auch die Schattenseiten. Nach dem 1:5-Debakel gegen Simmering am 10. Mai 1914 schrieb die Presse unerbittlich, jeder habe gesehen, wie abhängig der Sportclub von seinem Superstar sei. Braunsteiner wirkte übertrainiert, versagte an diesem Tag – und mit ihm die ganze Mannschaft.
Noch einmal aber zeigte der Ausnahmefußballer seine ganze Klasse. Am 11. Juni 1914 fegte der Sportclub Rudolfshügel mit 5:1 vom Platz. Die letzten drei Treffer erzielte allesamt Karl Braunsteiner. Es war eine Gala. Niemand ahnte, dass es sein letzter Auftritt in einem Meisterschaftsspiel sein würde.
Nur siebzehn Tage später, am 28. Juni 1914, brach mit dem Attentat von Sarajevo eine Welt zusammen. Der Erste Weltkrieg begann, und Karl Braunsteiner wurde an die Ostfront geschickt. Er gehörte zu jenen 130.000 Soldaten, die die Festung Przemyśl verteidigten. Im März 1915 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Wenige Wochen später starb der einstige Sportclub-Star unter unwürdigen Bedingungen.
Der elegante Mittelläufer, dessen Spiel einst als Kunstwerk beschrieben worden war, überlebte den Wahnsinn des Krieges nicht. Er wurde nur 23 Jahre alt.
Anekdoten & Zitate
Der 20-jährige strohblonde Mittelfeldspieler Karl Braunsteiner stach beim Spiel Wiener Sportclub - WAF (2:1) durch eine glänzende Leistung hervor. Im ersten Weltkrieg geriet er beim Fall der Festung Przemyśl in russische Kriegsgefangenschaft und verstarb bereits nach einem Monat unter grauenhaften Bedingungen in Taschkent. Nur zwei Jahre davor hatte er noch an den Olympischen Spielen in Stockholm teilgenommen.
Quelle: Als Rapid zum ersten Mal Meister wurde (Chronologie der ersten österreichischen Fußballmeisterschaft 1911/12), Abs. 366-369
Karl Braunsteiner war im Spiel Sportclub - WAC (0:1) einer der besten Sportclub-Spieler. Die mühelosen Bewegungen seines schlanken, austrainierten Körpers und die gelassene, fast verächtliche Ruhe bei allen seinen Aktionen vermochten das Auge eines Ästheten zu entzücken, doch den schneidigen Angriffen Studnickas und Neumanns war der schöne Mittelläufer oft nicht gewachsen.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 445
Auch Karl Braunsteiner sollte den ersten Weltkrieg nicht überleben - er starb qualvoll in russischer Kriegsgefangenschaft in einem Lager bei Taschkent im heutigen Usbekistan.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 1369
Karl Braunsteiner stoppte beim 3:0 im Spiel Sportclub - Vienna (4:1) den Ball mit der Hand, bevor er einschoss - Schiedsrichter Cornelius Hoffmann erkannte aber keinen Regelverstoß. Der Sportclub beendete diese Saison als drittbeste Mannschaft.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 1674
Sportclub-Star Karl Braunsteiner begeisterte beim letzten Länderspiel gegen Italien in Mailand das italienische Publikum mit seinen Tricks und sorgte für viele offene Münder auf den Rängen. Der Beamte begann seine Karriere bei den unterklassigen Wiener Bewegungsspielern, hielt lange dem Liebeswerben mehrerer erstklassiger Vereine stand, bis er nach langem Zögern dem Sportclub beitrat - schon sein Debüt war ein voller Erfolg. Er war einer der feinsten Balltechniker seiner Zeit, beeindruckte durch sein Spielverständnis, hatte aber als Mängel geringes Körpergewicht und unausgeglichenes Temperament. Karl Braunsteiner überlebte den Ersten Weltkrieg nicht: er verteidigte im ersten Kriegsjahr mit 130.000 anderen Soldaten die Festung Przemyśl, geriet im März 1915 in russische Kriegsgefangenschaft und verendete dort nach nur wenigen Wochen unter unwürdigen Bedingungen.
Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 1577-1579
Im Spiel Sportclub - Rudolfshügel (5:1) gelang Karl Braunsteiner ein lupenreiner Hattrick innerhalb von 22 Minuten (Elfmeternachschuss, Freistoß und nochmals Elfmeter). Es wurde Braunsteiners letztes Meisterschaftsspiel, aber das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der damals gerade 22-jährige Sportclubstar galt als 'Jahrhunderttalent' und war auf jeder Position gleich wertvoll - einer der ersten großen Fußballspieler Österreichs, der dem Weltkrieg zum Opfer fiel.
Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 2469-2473
Sportclub-Star Karl Braunsteiner war in Przemysl und hatte die erste Belagerung mitgemacht. Bald wurde die Festung wieder eingeschlossen und belagert, doch diesmal kam es zu keiner Befreiung mehr, und die Festung wurde von den Russen genommen. Braunsteiner ging in russische Kriegsgefangenschaft nach Kasachstan (später konkret nach Taschkent), wo er schwer erkrankt unter schlechten Bedingungen starb. Im August 1915 hatte er noch 9 Monate zu leben.
Quelle: Fussball im Ersten Weltkrieg: Österreichs erste Meisterschaft im Krieg 1914/15, Abs. 1012, 2617
Sportclub-Star Karl Braunsteiner befand sich in russischer Kriegsgefangenschaft im usbekischen Taschkent - einem für seine üblen Zustände berüchtigten Lager, wo auch Rapid-Legende Josef Schediwy gefangen war. Im März 1916 meldete sich Braunsteiner mit einer Postkarte aus Kriegsgefangenschaft in 'Turkestan' und behauptete, es würde ihm gut gehen - der Wahrheit konnte das aber nicht entsprochen haben, denn er ging bereits einen Monat darauf unter elenden Bedingungen zu Grunde. Postkartengrüße und Realität dürften daher weit auseinander gelegen haben - Kriegsgefangene waren wohl angehalten, nichts Negatives zu berichten oder wollten ihre Lieben in der Heimat nicht beunruhigen.
Quelle: Rapid Wien oder FAC: Der spannende Krimi um den Meistertitel 1915/16, Abs. 1012, 2349, 2617