Spielerprofil
Karl Duldig
Vereine & Saisonen
Zur Person
Ein Mann, der Torhüter, Tischtennismeister, Tennisspieler, Bildhauer und später noch australischer Staatsbürger war, ist an sich schon ein so wunderliches Geschöpf, dass man meinen möchte, die Natur habe an einem trüben Wintertag in Galizien beschlossen, sich einen Scherz zu erlauben. Und so geschah es denn auch, dass am 29. Dezember des Jahres 1902 in Przemyśl ein Knabe geboren wurde, dem man den Namen Karl Duldig gab und von dem damals niemand ahnte, dass er dereinst mehr Berufe und Talente besitzen würde als mancher Beamte Stempel in seiner Schreibtischlade.
Seine Familie zog nach Wien, jener Stadt, in der jeder zweite Mensch entweder Musiker, Philosoph oder grantiger Hausmeister werden möchte. Der junge Karl aber wollte offenbar alles zugleich werden. Während andere Knaben sich damit begnügten, einen Ball gegen die Mauer zu schießen oder im Kaffeehaus über die Zukunft Österreichs zu räsonieren, studierte er bei Anton Hanak die Bildhauerei und trieb nebenbei mit einer Beharrlichkeit Sport, als wäre er von mehreren Personen gleichzeitig bewohnt.
Es war ein erstaunlicher Anblick. Vormittags modellierte er Figuren aus Ton, nachmittags jagte er Tennisbällen hinterher und abends warf er sich als Torhüter der Hakoah Wien mit solcher Entschlossenheit in den Schmutz, dass die Wäscherinnen des Bezirks über zusätzliche Arbeit klagten. Andere Menschen besitzen ein Hobby. Karl Duldig besaß deren drei oder vier und behandelte jedes einzelne mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der ein russischer Beamter seine Tintenfässer ordnet.
Bei der Hakoah stand er hinter dem berühmten Sándor Fábián, der gewissermaßen vor ihm im Tor wohnte und nur selten bereit war, den Platz zu räumen. Dennoch wurde Karl Mitglied jener legendären Meistermannschaft von 1924/25. Allerdings war seine Laufbahn im Fußball von kurzer Dauer, denn eine Verletzung beendete sie bereits im Jahr 1925. Manche Menschen hätten darüber geweint. Karl Duldig hingegen schien zu denken, dass ihm ohnehin noch zwei oder drei weitere Talente zur Verfügung stünden.
Und tatsächlich hatte er schon vorher bewiesen, dass er ein sonderbarer Mensch war. Im Tischtennis wurde er österreichischer Meister. Im Tennis gehörte er zu den Besten des Landes. Es ist schwer zu sagen, wann dieser Mann überhaupt Zeit zum Schlafen fand. Wahrscheinlich schlief er in jenen wenigen Minuten, die gewöhnliche Menschen zum Jammern verwenden.
Dann kam die Kunst. Von 1933 bis 1938 teilte er sein Atelier mit Arthur Fleischmann. Zwei Bildhauer in einem Raum – das war ungefähr so, als würde man zwei Generäle in ein einziges Büro sperren und ihnen einen Sack Ton hinstellen. Doch die Sache funktionierte. Karl formte Figuren und fand dabei jene Ruhe, die ihm offenbar auf dem Fußballplatz stets gefehlt hatte.
Im Jahre 1931 hatte er die Künstlerin Slawa Horowitz geheiratet. Nun war Frau Slawa ebenfalls keine gewöhnliche Person. Während andere Ehefrauen sich um Vorhänge oder Marmelade kümmerten, erfand sie einen kleinen Taschenschirm. Niemand konnte damals ahnen, dass aus diesem unscheinbaren Gegenstand einmal der berühmte „Knirps“ werden würde. So kam es, dass in diesem Haushalt nicht nur Skulpturen entstanden, sondern nebenbei auch noch eine Erfindung, die Millionen Menschen vor dem Regen bewahren sollte.
Doch die Welt war damals von einer besonderen Art von Verrücktheit befallen worden. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht, und die Familie Duldig musste fliehen. Zunächst in die Schweiz, dann nach Singapur. Man sollte meinen, ein Künstler, ein Sportler und eine Erfinderin hätten der Menschheit nichts zuleide getan. Aber die Geschichte fragt selten nach Vernunft.
Schließlich landeten sie in Australien, wo man sie zunächst mit jener eigentümlichen Logik des Krieges als „Enemy Aliens“ internierte. So saß Karl Duldig, österreichischer Meister, Bildhauer und friedliebender Mensch, in einem Lager, weil die Welt beschlossen hatte, sich für einige Jahre vollständig dem Wahnsinn hinzugeben.
Erst 1942 kam er frei. In Melbourne begann er ein neues Leben. Andere Menschen wären nach so vielen Schicksalsschlägen müde geworden und hätten sich mit einem Schaukelstuhl abgefunden. Karl Duldig jedoch eröffnete mit seiner Frau ein Keramikstudio, unterrichtete junge Menschen und schuf weiterhin Skulpturen. Im Jahr 1956 ernannte man ihn sogar zum „Victorian Sculptor of the Year“. Offenbar hatte Australien beschlossen, jenen Mann zu ehren, den Europa einst vertrieben hatte.
Und als wäre dies noch nicht genug, wurde auch seine Tochter Eva eine hervorragende Tennisspielerin. Es schien fast, als ob in der Familie Duldig selbst die Frühstückseier einen gewissen sportlichen Ehrgeiz besaßen.
Heute steht in Melbourne das Duldig Studio, wo Besucher Skulpturen und Erinnerungen betrachten können. In Israel erinnert ein Denkmal an sein Werk. Und wer sich die Geschichte dieses Mannes ansieht, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass der liebe Gott manchmal aus reiner Laune Menschen erschafft, die in drei oder vier Leben hineinpassen würden, dann aber versehentlich alles in ein einziges hineinpackt.
So lebte Karl Duldig – Torhüter, Meister, Künstler, Flüchtling und Bildhauer – und hinterließ Spuren in Wien, in Australien und in den Erinnerungen jener wenigen, die noch wissen, dass manche Menschen nicht einfach Biographien besitzen, sondern ganze Romane.
Anekdoten & Zitate
Debüt als Torhüter am 01.11.1922 gegen Rapid.
Quelle: Fußball Tagebuch 1922/23 (Buch12), Zeile ~1750