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Aus der Buchreihe Hakoah Wien: Der einzige Meistertitel
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Spielerprofil

Karl Geyer

Spitzname 'Vogerl'

Karl Geyer – Karl Geyer
Karl "Vogerl" Geyer.

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Amateure

Zur Person

Es gibt Menschen, die leben ein langes Leben. Und dann gibt es Karl „Vogerl“ Geyer. Der hat nicht bloß ein langes Leben gelebt. Der hat offenbar beschlossen, sämtliche Epochen Österreichs persönlich abzuhaken. Der Mann wurde 1899 geboren. Da war der Kaiser noch Kaiser, die Pferdekutsche noch kein Oldtimer und der Begriff „VAR“ hätte vermutlich als ansteckende Krankheit gegolten.

Geboren wurde er als Sohn eines Fleischhauers in der Dresdner Straße. Also quasi zwischen Selchfleisch und Blutwurst. Und weil das Leben bekanntlich einen gewissen Sinn für Abwechslung besitzt, wurde ausgerechnet aus dem Fleischhauersohn ein Fußballer. Wobei: Fußballer war er nur nebenberuflich. In Wahrheit verstand sich Karl Geyer zeitlebens als Eisenbahner. Andere sammeln Pokale, er war stolz auf den Nordbahnhof. Das muss man sich einmal vorstellen. Heute nennt sich jeder Influencer mit 400 Followern „Creator“, aber der zweifache Meister Karl Geyer sagte sinngemäß: „Ja eh, Fußball spiel ich auch, aber eigentlich bin ich bei der Eisenbahn.“

Seinen Spitznamen „Vogerl“ verdankte Karl Geyer übrigens keiner besonderen Begabung im Zwitschern. Nein, irgendeiner aus der Fußballpartie – man erzählt sich, es könnte Sesta gewesen sein – erlaubte sich bei einer Reise einen kleinen Scherz und schrieb beim Einschreiben statt „Geyer“ einfach „Vogerl“ hin. Damals war das noch möglich. Heute brauchst für eine falsche Schreibweise drei Passwörter, einen QR-Code und einen Bestätigungscode per SMS. Damals genügte ein lustiger Mannschaftskollege und schon bist du bis zum Ende deiner Tage das „Vogerl“.

Und keiner fragte nach. Das ist überhaupt das Schöne an der Zwischenkriegszeit. Wenn einer „Vogerl“ hieß, dann hieß er eben „Vogerl“. Da wurde nicht lang diskutiert. Der Kaiser war weg, die Inflation da, aber irgendeiner schrieb im Hotelbuch einen Blödsinn hinein und ein künftiger Teamchef Österreichs trug den Spitznamen die nächsten achtzig Jahre mit sich herum.

Das muss man sich einmal vorstellen. Andere Menschen erben ein Haus. Der Karl Geyer erbte einen Schmäh.

Angefangen hat er beim SC Donaustadt. Nach einem Spiel mit sechs Toren wollten ihn sowohl der WAF als auch der WAC verpflichten. Der WAF bot mehr Geld. Das wäre für die meisten Menschen ein schlagendes Argument gewesen. Nicht für Karl Geyer. Der ging zum WAC. Warum? Weil er dorthin mit dem Fahrrad fahren konnte und sich das Straßenbahngeld ersparte.

Das ist Wiener Fußballromantik. Heute kommen Berater mit PowerPoint-Präsentationen und erklären, welche Vision ein Verein hat. Damals sagte der junge Geyer: „Ja, eh schön, aber bei euch muss ich umsteigen.“

Beim WAC und später bei den Amateuren, die irgendwann Austria Wien wurden, gewann er Meisterschaften und Cups. Siebzehnmal spielte er für Österreich. Ein technisch hervorragender Außenläufer mit einer Kondition, dass vermutlich sogar die Pferde am Prater Hauptallee neidisch geschaut haben.

Dann kam 1928 ein Zusammenstoß mit dem Vienna-Spieler Friedrich Gschweidl. Das Knie war kaputt, die Spielerkarriere praktisch vorbei. Heutzutage hätte man drei Kreuzband-Spezialisten, fünf Podcasts und einen Reha-Coach. Damals hatte man Pech.

Aber Karl Geyer dachte sich offenbar: „Gut. Dann werde ich halt Trainer.“ Und so begann sein zweites Fußballleben. Er trainierte halb Wien und sogar Norwegen. WAC, Donau, Diana, Wacker, Brann Bergen, Austria – der Mann war mehr unterwegs als ein Staubsaugervertreter.

1931 führte er den WAC sogar sensationell ins Mitropacup-Finale. MTK Budapest und Sparta Prag wurden ausgeschaltet. Das war ungefähr so, als würde heute ein Provinzverein aus Versehen in der Champions League auftauchen und plötzlich Real Madrid nervös machen.

Dann kam die Zeit, in der in Europa alles verrückt wurde. Weil seine Frau Jüdin war, musste Geyer nach Norwegen ausweichen. Selbst die schlimmsten Zeiten schafften es aber nicht, ihn dauerhaft vom Fußball wegzubringen. Er kehrte zurück und betreute die Austria während des Krieges inoffiziell. Nach 1945 war er der erste offizielle Trainer der Veilchen und präsentierte einen jungen Ernst Stojaspal.

1955 durfte er gemeinsam mit Josef Molzer sogar die Nationalmannschaft betreuen. Fünf Spiele lang. Das erste Länderspiel Österreichs gegen Brasilien fiel ebenfalls in diese Zeit. Heute würden wahrscheinlich hundert Experten analysieren, ob die taktische Ausrichtung gepasst hat. Damals war man schon zufrieden, wenn keiner den Ball verloren hatte und der Zug nach Hause noch fuhr.

Und während andere längst zu Legenden geworden waren, lebte Karl „Vogerl“ Geyer einfach weiter. Er sah Generationen kommen und gehen. Er war noch am Leben, als Toni Polster seine Karriere schon beendet hatte. Ein Mann, der die Monarchie erlebt hatte und gleichzeitig das Zeitalter der Satellitenfernsehübertragungen.

1998 starb er mit beinahe neunundneunzig Jahren.

Und irgendwie passt das alles wunderbar zu Wien.

Da wird einer durch einen kleinen Schwindel zum „Vogerl“, gewinnt Meisterschaften, überlebt Kriege, trainiert in Norwegen, wird Teamchef Österreichs und entscheidet die wichtigste Frage seiner Jugendkarriere nicht nach Geld, Ruhm oder Prestige.

Sondern nach dem Preis einer Straßenbahnkarte.

Und ich finde, das hat etwas zutiefst Österreichisches.

Nicht immer das große Geld.

Aber wenn's irgendwie geht, gratis.

Anekdoten & Zitate

Zu Karl Geyer sind derzeit keine Anekdoten verzeichnet.