Spielerprofil
Otto Haftl
kam von den Amateuren, Torjäger
Vereine & Saisonen
Zur Person
Ein Leben wie jenes von Otto Franz Haftel, den die Wiener Fußballwelt einfach „Otto Haftl“ nannte, ließe sich leicht auf ein paar nüchterne Zahlen reduzieren. Geboren am 29. November 1902, drei Länderspiele, zwei Tore für Österreich, gestorben am 16. September 1995. Doch zwischen diesen Daten liegen beinahe ein ganzes Jahrhundert und eine Geschichte, die weit größer ist als jede Statistik.
Als Otto Haftel zur Welt kam, regierte noch Kaiser Franz Joseph. Die Ringstraße glänzte, die Fiaker klapperten über das Pflaster, und niemand konnte ahnen, dass dieser Bub einmal für die österreichische Nationalmannschaft spielen würde. Der Fußball war damals noch jung, aber er besaß bereits jene unwiderstehliche Kraft, die Menschen aus einfachen Verhältnissen zu Helden eines Sonntagnachmittags machen konnte.
Zunächst führte sein Weg zu den Amateuren. Dort schien er allerdings nicht zu den Auserwählten zu gehören. Er war Ersatzmann, einer von vielen. Doch am 11. September 1921, beim Spiel gegen Hertha, öffnete sich plötzlich eine Tür. Unerwartet rückte der junge Haftel in die Mannschaft. Viele hätten sich damit begnügt, bloß nicht aufzufallen. Otto aber spielte, als hätte er sein ganzes Leben auf diesen Augenblick gewartet. Bereits in der achten Minute traf er zum ersten Mal, in der 43. Minute zum zweiten Mal. Das Publikum geriet in Begeisterung. Aus dem Reservisten war über Nacht ein Mann geworden, dessen Namen man sich merkte.
Trotzdem verlief seine Laufbahn nicht geradlinig. Bei den Amateuren konnte er sich nicht dauerhaft durchsetzen. Andere hätten vielleicht aufgegeben, sich mit einem gewöhnlichen Leben abgefunden. Otto Haftel ging seinen Weg weiter. Er wechselte zu Wacker Wien – und dort begann seine eigentliche Geschichte.
Im Wacker-Dress blühte er auf. Der unscheinbare Ersatzmann wurde zu einem gefährlichen Stürmer. In der Saison 1924/25, als er gerade zweiundzwanzig Jahre alt war, galt er als eine der Überraschungen der Meisterschaft. Besonders legendär wurde ein Spiel gegen die Vienna. Wacker lag zurück, doch Haftel verwandelte in der 77. Minute gleich zwei Elfmeter und stellte auf 3:3. Für einen kurzen Augenblick schien alles möglich. Das Publikum tobte, und vielleicht glaubte selbst Otto, dass das Schicksal an diesem Tag auf seiner Seite stehen würde. Doch wenige Minuten später traf Karl Rainer per Freistoß zum 4:3 für die Vienna. Wieder einmal hatte das Leben gezeigt, dass selbst die größten Anstrengungen nicht immer mit einem Sieg belohnt werden.
In diesen Jahren gehörte Haftel zu den bekannten Spielern des Wiener Fußballs. Er lief dreimal für Österreich auf und erzielte zwei Tore. Es war die Zeit vor dem Wunderteam, vor Sindelar und Schall. Eine Generation von Fußballern, die heute oft im Schatten ihrer berühmteren Nachfolger steht, hatte den Boden bereitet. Otto Haftel war einer von ihnen.
Nach seiner aktiven Laufbahn blieb er dem Fußball treu. Er wurde Trainer und arbeitete bei seinem geliebten Wacker. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg stand er an der Seitenlinie, und nach den Jahren der Zerstörung kehrte er dorthin zurück. In einer Welt, die sich völlig verändert hatte, war der Fußball für viele Menschen ein Stück Heimat geblieben.
Doch die Geschichte des Otto Haftel war mehr als die Geschichte eines Sportlers. Er war jüdischer Herkunft. Als Österreich 1938 unterging und die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, wurde das Leben vieler Menschen zerbrochen. Auch für ihn bedeutete diese Zeit den Verlust der vertrauten Welt. Wie so viele andere musste er emigrieren. Er überlebte, während Millionen andere nicht überlebten. Er fand schließlich in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat, weit entfernt von den Wiener Fußballplätzen, auf denen er einst gefeiert worden war.
Er sah fast das gesamte zwanzigste Jahrhundert vorüberziehen. Er überlebte zwei Weltkriege, das Ende der Monarchie, den Nationalsozialismus und die Teilung Europas. Aus dem jungen Stürmer der zwanziger Jahre wurde ein alter Mann, der Erinnerungen an eine längst versunkene Welt in sich trug.
Als Otto Haftel am 16. September 1995 im Alter von zweiundneunzig Jahren starb, war die Generation seiner Mannschaftskameraden längst verschwunden. Viele Menschen kannten seinen Namen nicht mehr. Die Stadien waren größer geworden, der Fußball schneller und lauter. Doch irgendwo zwischen vergilbten Zeitungsseiten und den Erinnerungen weniger alter Fußballfreunde lebte noch immer jener junge Mann weiter, der einst als Ersatzspieler seine Chance bekommen hatte und sie mit zwei Toren nutzte.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Größe seines Lebens.
Nicht in den drei Länderspielen.
Nicht in den zwei Toren für Österreich.
Nicht einmal in den Jubelstürmen auf den Tribünen.
Sondern darin, dass Otto Haftel immer wieder von Neuem beginnen musste – und jedes Mal weiterspielte.
Anekdoten & Zitate
Im Rückblick wird Otto Haftls langes Leben gewürdigt: Er war als Trainer bei Wacker tätig, sowohl kurz vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg, und starb am 16. September 1995 im Alter von 92 Jahren.
Quelle: Hakoah Wien: Der einzige Meistertitel - Fußball Tagebuch 1924/25 (Buch14.docx; Seitenzahlen im extrahierten Text nicht vorhanden)
Beim dramatischen Spiel Vienna gegen Wacker (Endstand 4:3) verwandelt Otto Haftl gleich zwei Elfmeter in der 77. Minute zum zwischenzeitlichen 3:3-Ausgleich, bevor Karl Rainer in der 86. Minute mit einem Freistoß für Vienna doch noch den Siegtreffer erzielt. Haftl, mit 22 Jahren die Überraschung der Saison, war zuvor bei den Amateuren gescheitert, bevor er bei Wacker zur Torgefahr aufblühte.
Quelle: Hakoah Wien: Der einzige Meistertitel - Fußball Tagebuch 1924/25 (Buch14.docx; Seitenzahlen im extrahierten Text nicht vorhanden)