Spielerprofil
Richard Singer
Vereine & Saisonen
Zur Person
Richard Singer gehörte zu jenen Männern, die schon dabei waren, als der österreichische Ligafußball überhaupt erst laufen lernte. Als im Herbst 1911 die erste Meisterschaft begann, war der 23-jährige Stürmer bereits ein erfahrener und weithin geschätzter Angreifer.
Seine Laufbahn hatte 1908 bei der Vienna begonnen. Doch Singer war kein Mann, der lange an einem Ort blieb. Schon 1910 zog es ihn nach Krakau, in den damals polnischen Teil der Monarchie. Dort schloss er sich Cracovia an und löste beinahe Euphorie aus. Der Wiener galt als Sensationstransfer und wurde in kürzester Zeit zum Publikumsliebling. Mit 21 Treffern in 21 Spielen im Jahr 1910 und weiteren 16 Toren in 22 Begegnungen im Frühjahr 1911 bewies er eindrucksvoll, weshalb man ihn zu den besten Stürmern Mitteleuropas zählte. Für die Entwicklung des Krakauer Fußballs war seine Verpflichtung von unschätzbarer Bedeutung.
Im Sommer 1911 kehrte Singer nach Wien zurück. Der Grund dürfte ein ganz besonderer gewesen sein: Österreich bekam seine erste Fußballmeisterschaft. Und wenn Geschichte geschrieben wurde, wollte Richard Singer mittendrin sein.
Überraschend zog es ihn nicht zurück zur Vienna, sondern zu den violetten Amateuren. Dort schrieb er bereits am 3. September 1911 ein kleines Stück Vereinsgeschichte. Im ersten Meisterschaftsspiel überhaupt, einem 8:1-Kantersieg gegen Viktoria auf dem WAC-Platz, erzielte Singer als rechter Verbindungsstürmer schon in der ersten Minute den allerersten Meisterschaftstreffer der Wiener Violetten. Ein Augenblick, der bis heute einen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern des Vereins verdient.
Während der gesamten Saison gehörte Singer zu den zuverlässigsten Angreifern der Mannschaft. Die Amateure landeten zwar nur auf Rang acht unter zwölf Vereinen, doch an ihrem treffsicheren Stürmer lag es gewiss nicht.
Auch in der Saison 1912/13 blieb Richard Singer einer der wichtigsten Männer der Violetten. Beim 3:1-Auswärtssieg gegen den FAC in Floridsdorf am 27. Oktober 1912 verwandelte er zunächst einen Elfmeter zum Ausgleich und schnürte später noch einen Doppelpack. Überhaupt war er nicht nur regelmäßiger Torschütze, sondern auch der Mann für die wichtigen Strafstöße. Die Amateure verbesserten sich auf den vierten Platz.
In seiner dritten Meisterschaftssaison war Singer weiterhin eine feste Größe. Als die Amateure am 21. September 1913 beim späteren Meister WAF bereits 0:2 zurücklagen, schlug er kurz vor der Pause zweimal zu und stellte mit seinen Treffern in der 37. und 45. Minute auf 2:2. Es entwickelte sich ein furioses Offensivspektakel, das der WAF letztlich mit 5:3 gewann.
Selbst in der Saison 1913/14 war Richard Singer aus der Startformation kaum wegzudenken. Er blieb ein verlässlicher Torschütze und gehörte zu den erfahrenen Stützen der Mannschaft. Doch am 28. Juni 1914, beim bitteren 0:5 gegen den FAC in Ober Sankt Veit, stand die Welt bereits am Rand einer Katastrophe. Während auf dem Rasen Fußball gespielt wurde, erschütterte das Attentat von Sarajevo Europa. Wenige Wochen später begann der Erste Weltkrieg.
Auch Richard Singer musste einrücken. Als Angehöriger des 3. Ulanenregiments zog er gegen Russland in den Krieg. Seine Einheit kämpfte bei Przemyśl und später im Raum Kielce. Aus der Festung Przemyśl sandte er am 15. September 1914 einen Brief an das Sportblatt:
„Vom nördlichen Kriegsschauplatze erlaubt sich Ihnen ein eifriger Leser Ihres Blattes die besten Grüße zu senden. Wir haben es bisher nur mit russischen Übermächten zu tun gehabt. Auf Wiedersehen in Wien.“
Nur einen Tag später wurde die Festung eingeschlossen. Der Brief entkam der Belagerung buchstäblich im letzten Augenblick. Fast ein halbes Jahr lang hielten die Verteidiger aus. Als Przemyśl im März 1915 kapitulierte, gingen über 110.000 Soldaten in russische Gefangenschaft, während rund 20.000 Männer die Belagerung nicht überlebten.
Richard Singer gehörte zu den Glücklichen. Im August 1915 meldete er sich erneut beim Sportblatt und berichtete vom Vormarsch an die Weichsel. Er schickte Grüße an die Wiener Fußballer und bewahrte sich selbst in den Wirren des Krieges seine Verbundenheit zum Sport.
Am 19. März 1916 kehrte die alte Legende noch einmal auf den Fußballplatz zurück. Während eines Heimaturlaubs lief er beim Meisterschaftsspiel gegen den FAC für seine Amateure auf. Doch die Jahre an der Front hatten ihre Spuren hinterlassen. Das Sportblatt sprach von der „alten und bewährten, aber vom Krieg gezeichneten Legende Richard Singer“. Die Amateure verloren mit 1:3, und Singer sollte in dieser Saison nur noch dieses eine Spiel bestreiten.
Seinen letzten Auftritt hatte er am 8. April 1917 in einem Freundschaftsspiel gegen den FAC. Die Amateure gewannen zwar mit 4:3, doch der einst gefeierte Torjäger war inzwischen ein Mann ohne Spielpraxis. Nach Jahren des Krieges und zahllosen Entbehrungen beendete Richard Singer im Alter von nur 29 Jahren seine aktive Laufbahn.
Der einstige Sensationsstürmer von Cracovia, erste Meisterschaftstorschütze der Wiener Violetten und Frontsoldat des Ersten Weltkriegs überstand beide Weltkriege. Er starb im Alter von 80 Jahren und wurde am 11. Juli 1968 auf dem Friedhof Wien-Neustift beigesetzt.
Sein Name ist heute nur noch wenigen bekannt. Doch Richard Singer war einer jener Männer, die dabei waren, als die Geschichte des österreichischen Fußballs überhaupt erst begann.
Anekdoten & Zitate
Der damals 24-jährige Richard Singer traf im Spiel FAC - Amateure (1:3) zwei Mal, einmal aus einem Elfmeter zum 1:1 noch in der ersten Halbzeit, nachdem die Amateure durch ein Tor von Leopold Deutsch in Rückstand geraten waren und Topstar Ludwig Hussak verletzt ausgefallen war. Singer war gebürtiger Wiener, der 1909 von der Vienna zu Cracovia Krakau wechselte und dort zwischen 1910 und 1912 spielte - seine erfolgreichste Zeit, mit 21 Toren in 21 Spielen 1910 und 16 Toren in 22 Spielen 1911. 1912 wurde er von Hugo Meisl zu den Amateuren zurückgeholt. Er überlebte den ersten Weltkrieg als Soldat, mit der Fußballkarriere war es danach aber vorbei. Er verstarb mit 80 Jahren und wurde am 11.07.1968 am Friedhof Wien-Neustift beigesetzt.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 539
Amateure-Stürmer Richard Singer meldete sich am 15. September 1914 aus der Festung Przemyśl: 'Habe viele Wiener Sportsleute meistens wohlauf bei Lemberg und hier getroffen (vermutlich auch Sportclub-Star Karl Braunsteiner), und auch einige Budapester. Wir haben es bisher nur mit russischen Übermächten zu tun gehabt. Auf Wiedersehen in Wien.' Bereits am Tag darauf wurde Przemyśl eingeschlossen - der Brief hatte es im letzten Augenblick herausgeschafft. Die Belagerung dauerte bis 22. März 1915, danach kapitulierte die Garnison: 110.000 Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft, 20.000 überlebten die Belagerung nicht. Singer spielte zwischen 1910 und 1912 bei Cracovia in Krakau und sprach daher etwas Polnisch, was ihm in Przemyśl half. Im Juli 1915 schrieb er weitere Grüße von der Front. Singer überlebte den Krieg, spielte sein letztes Meisterschaftsspiel am 19. März 1916, verstarb mit 80 Jahren und wurde 1968 am Friedhof Wien-Neustift beigesetzt.
Quelle: Fussball im Ersten Weltkrieg: Österreichs erste Meisterschaft im Krieg 1914/15, Abs. 284-297, 2613