Spielerprofil
Willy Schmieger
Vereine & Saisonen
Zur Person
Willy Schmieger war beim Start der ersten österreichischen Fußballmeisterschaft 1911 als 24-jähriger Mittelstürmer des Wiener Sport-Clubs selbstverständlich von Anfang an dabei. Schließlich hielt man sich in Dornbach damals für die natürliche Krönung der Schöpfung und den Meistertitel praktisch für eine Formalität.
Am 27. August 1911 eröffnete Schmieger mit dem Sportclub die erste Meisterschaft überhaupt. Gegner waren die Vienna Cricketer auf dem Sportclub-Platz. Die Cricketer hatten große Mühe, überhaupt elf halbwegs atmende Spieler aufzutreiben, während die Dornbacher als haushoher Favorit antraten. Das Ergebnis? Ein 1:1. Für den Sportclub eine Katastrophe, ungefähr so, als würde heute Real Madrid gegen eine Betriebsmannschaft des Finanzamts Punkte liegenlassen.
Immerhin schrieb Schmieger an diesem Tag Geschichte. Er erzielte das allererste Meisterschaftstor Österreichs und sicherte sich damit einen Platz in den Geschichtsbüchern. Engelbert König vom WAF traf im Parallelspiel gegen den FAC erst in der 36. Minute und musste sich daher mit der wenig glamourösen Rolle des ersten Nachzüglers begnügen.
Schmieger gehörte damals zu den großen Stars des Landes. Bereits 1905 hatte er mit dem Sportclub den Challenge Cup gewonnen, der so etwas wie die inoffizielle Meisterschaft der gesamten Habsburgermonarchie war. Der Sportclub gehörte jahrelang zur Elite. Zumindest solange man sich nicht allzu sehr vom eigenen Genie berauschen ließ.
Denn als die Meisterschaft eingeführt wurde, stellte sich heraus, dass Talent allein nicht immer genügt. Der Sportclub war in jener Zeit berühmt für zwei Eigenschaften: große Namen und eine fast schon religiös gepflegte Trainingsfaulheit. Jedes Jahr galten die Dornbacher als Topfavorit, und jedes Jahr gelang es ihnen mit bewundernswerter Konsequenz, den Titel doch wieder jemand anderem zu überlassen. Der größte Gegner des Sportclubs war meistens der Sportclub selbst.
Auch Schmieger verlor relativ früh die Lust am täglichen Meisterschaftsbetrieb. Vielleicht war ihm das ständige Scheitern auf Dauer zu unerquicklich, vielleicht fand er einfach, dass Laufen überschätzt werde. Jedenfalls zog er sich schon bald als Spieler zurück und wechselte auf die Funktionärsebene. Außerdem wurde er Schiedsrichter.
Und wie schon als Spieler zeigte Schmieger auch mit der Pfeife Spitzenleistungen. Besonders heikle Spiele leitete man gerne ihm an, was ungefähr so angenehm war wie die Aufgabe, zwei streitende Schwiegermütter bei einem Familienfest zu beruhigen.
Im Ersten Weltkrieg wurde Schmieger erst relativ spät eingezogen. Danach fand er sich allerdings an der Isonzofront wieder. Während der 10. Isonzoschlacht stand seine Einheit im Brennpunkt der italienischen Offensive und hielt den Angriffen stand. Was wiederum zeigt, dass Schmieger sowohl mit Mittelstürmern als auch mit Artillerie umzugehen wusste.
Im Zivilberuf war er Gymnasialprofessor für Latein und Griechisch. Damit gehörte er zu jener aussterbenden Spezies von Menschen, die sich tatsächlich freiwillig mit dem Ablativus absolutus beschäftigten. Später machte er sich als Sportjournalist und Radiokommentator einen Namen. Er wurde zu einem der Pioniere der Fußballübertragungen und erlangte vor allem durch seine Reportagen der Spiele des Wunderteams Berühmtheit. Millionen Österreicher lauschten seiner Stimme, lange bevor Fernsehexperten entdeckten, dass man auch neunzig Minuten lang das Offensichtliche kommentieren kann.
Am 10. Oktober 1950 starb Willy Schmieger in Wien. Der Mann, der Österreichs erstes Meisterschaftstor erzielt hatte, war längst zu einer Institution geworden. Und wahrscheinlich hätte er noch Jahrzehnte später kopfschüttelnd festgestellt, dass sich im österreichischen Fußball zwar die Frisuren geändert hatten, die Selbstüberschätzung aber erfreulich konstant geblieben war.
Anekdoten & Zitate
Im Spiel Sportclub - WAC (4:4) feierte die damals 26-jährige Sportclub-Legende Willy Schmieger seinen 300. Einsatz für den Sportclub - 'Ein Fest der Treue und der Anhänglichkeit', schrieb das Sportblatt. Als Mittelschüler trat Schmieger dem Sportclub (damals Deutscher Sportverein) bei und spielte sich durch Jung- und Reservemannschaften zur 'Ersten' durch. Schon vor 7 Jahren wurde er zum Kapitän gewählt und war in guten wie schlechten Zeiten der Führer seiner Mannschaft, der bei Spielern, Schiedsrichtern und Zuschauern gleich hoch im Ansehen stand. Er glänzte nie durch verblüffende Tricks, sondern stand für 'Solid und verlässlich'. Sportclub-Präsident Hans Hornacsek beglückwünschte ihn zum 300. Spiel mit einer goldenen Chronometer. Schmieger erzielte beim 4:4 in der 56. Minute das 4:2. Nach seiner sportlichen Laufbahn widmete er sich dem Journalismus: Anfang der 20er Jahre leitete er das Sportblatt, 1925 übernahm er die Sportredaktion der Wiener Neuesten Nachrichten. Er gilt als Pionier der Sportübertragungen im österreichischen Radio und moderierte im Oktober 1928 die erste Fußball-Direktübertragung (Österreich gegen Ungarn). Berühmt wurden seine Berichte vom 'Wunderteam' (1931-1933) und vom Mitropa Cup. Am 10. Oktober 1950 verstarb 'Professor Schmieger' im Alter von 63 Jahren an einer 'heimtückischen Krankheit'.
Quelle: Fussball vor dem Weltkrieg – Österreichs letzte Meisterschaft im Frieden 1913/14, Abs. 449-457, 470